Endergebnis
Autor: Herbert Tertinegg
Weltmeisterschaft in Châtellerault

Bericht eines Zusehers von Herbert Tertinegg

Der erste Eindruck vom WM-Austragungsort Châtellerault nach einer 1.600 km langen, aber gemütlichen Anreise über sehr schöne neue Autobahnen durch Frankreich war ein überaus freundlicher. Gut beschildert konnten alle wichtigen Stationen gefunden werden, die Stadt hatte sich herausgeputzt, die Flaggen gehißt, den reichhaltigen Blumenschmuck und viele Auslagen auf Ballon getrimmt. Die Menschen, ja sogar Polizisten, freundlich und hilfsbereit, für ausländische Falschparker gab´s Generalamnestie. Man hatte wirklich das Gefühl, willkommen zu sein. Mir persönlich ist es bis heute ein Rätsel, wie der Franzose nach seinem bescheidenen Frühstück so freundlich sein kann?

Die erste Überraschung dann bei Durchsicht des Programmheftes: Gerald Stürzlinger als "Competitor´s speaker". Ein Volltreffer des Veranstalters. Gerald mit seiner freundlichen, unkomplizierten Art und dem österreichischen Schmäh vermittelte, organisierte und war einfach immer und überall für jeden da. Jeder lobte, jeder mochte ihn. Ein Beispiel: Bei der Eröffnungsparade eine kurze Wartezeit. Was macht Gerald. Er läßt keine Langeweile aufkommen. Unterstützt von Robert Reithmaier

zwingt er höflich, aber bestimmt, die "Officials" zum Gruß mit einer "Welle" an das Publikum, dann dreht er sich um und macht das Gleiche mit den tausenden Zusehern. Und alle machten mit. Wie mir überhaupt die Eröffnungszeremonie sehr gut gefallen hat, die Siegerehrung hätte feierlicher gestaltet werden können.
Die nächste Überraschung im Programmheft: Die österreichischen Observer Martin Graf, Robert Reithmaier, Dieter Wieninger und Ingrid Woletz wurden allesamt zu "Australie". Da sie aber keine Känguruhs dabei hatten, kamen die Franzosen sehr schnell dahinter, daß ihnen hier ein peinlicher Fehler passiert war.
Die Gegend um Châtellerault im Südwesten Frankreichs ist unglaublich geschichtsträchtig und weist mit den Städten Saintes, Cognac, Loches, Richelieu, La Rochelle, Bordeaux, Poitiers usw. viele kulturelle Highligths auf, wir haben aber auch viele kleine Orte mit besonders interessanten Kulturgütern besucht. Z.B. das Naturschutzreservat von Pinail, das Freilichtmuseum in Archigny, die Höhlenwohnungen von St.Remy-sur-Creuse u.v.a., allesamt sind sie eine Besichtigung wert und waren bequem in einem Tagesausflug erreichbar.
Der Besuch dieses Teiles Frankreichs, außer das Loire-Tal mit seinen berühmten Schlössern, wird bei uns kaum beworben und ist wenig bekannt. Wir können dieses Gebiet für Kulturinteressierte nur wärmstens empfehlen, nehmen Sie sich die Zeit dazu, es lohnt sich.
Nun zum Sportlichen. Generell kann gesagt werden, daß diese WM, trotz dreier Regentage, mit 15 Aufgaben sicher letztlich eine gerechte Entscheidung brachte. Zumindest eine Fahrt hätte jedoch auf Grund der Nebelsituation nie und nimmer durchgeführt werden dürfen. Aufgefallen ist mir dabei, daß Veranstaltungsleiter, Sicherheitsbeauftragter und Wetterberater ausschließlich Franzosen waren. Mit David Bareford aus Großbritannien gibt es einen würdigen Weltmeister, nun hat er diesen Titel schon zum dritten Mal. Steve Jones aus den USA, in der Weltrangliste auf Platz 36, er wurde Vizeweltmeister und Jan Balkedal aus Schweden errang die Bronzemedaille. Der Titelverteidiger Bill Arras aus den USA hat vielleicht doch ein bißchen zu dick aufgetragen, nachdem er in den französischen Zeitungen ankündigte, daß er die Trophäe so sicher wieder abholen würde, wie er sie 1999 in Bad Waltersdorf errungen hatte. Respekt für den 10. Rang, aber zu mehr hat es trotz wochenlangem Training in Châtellerault diesmal nicht gereicht. Ob Bescheidenheit mehr gebracht hätte? Ich behaupte ja, zumindest an Sympathie. Und wie erging´s unseren Deutschen Freunden? Sie hatten diesmal das Glück auch nicht gerade auf ihrer Seite. Einzig Uwe Schneider wurde mit jeder Fahrt immer besser, anfangs noch in den 80er Rängen, spielte zum Schluß hin sein ganzes Können aus, erzielte in den letzten Aufgaben ein Top-Ergebnis nach dem anderen und wurde noch Fünfter. Bravo Uwe.

Ja, und wie erging es nun unseren Österreichern? Es war jedenfalls nicht die WM des Sepp Scherzer. In Luxemburg 2000 noch EM-Bronze, ging bei ihm diesmal alles daneben, was nur daneben gehen kann. Rang 61. Schade Sepp, ich hoffe daß Dir meine "Medizin" wenigstens seelisch geholfen hat. Nun zu den zwei steirischen Teilnehmern. Helmut Pöttler, bei der EM noch 10. und WM-Erfahren, tat sich am Anfang auch ein bißchen schwer, steigerte sich dann und wurde mit Rang 38 bester Österreicher.

Umgekehrt war es bei Günter Höfler. Anfangs noch als 16. unter den Top-20 wurde es am Ende Rang 59. Erstmals bei einer Großveranstaltung mit dabei, gelang ihm aber mit seiner Co-Pilotin Astrid Binder bei einem spektakulären fly-in auf den Startplatz in Châtellerault DIE Sensation. Wir hatten schon 97 Ballone gezählt, die am Wertungsgebiet weit abseits vorbeifuhren. Mir fehlten die zwei Steirer. Waren sie nicht gestartet? Ratlos und ein wenig verzweifelt wollten wir schon weggehen. Plötzlich ein Aufschrei in der Menge und auch wir sahen sie. Da kamen noch zwei Ballone, sehr tief, aus einer ganz anderen Richtung wie alle anderen und schon ein wenig aus der Dämmerung direkt auf das Wertungsgebiet zu. Ein Blick in mein Teleobjektiv: ja es waren unsere beiden Steirer. Elisabeth Polenat informierte noch schnell den ratlosen Platzsprecher und dann wurde es spannend: langsam "schlichen" sich Helmut Pöttler und Günter Höfler Richtung Wertungsgebiet. Leider veränderte der Helmut etwas zu früh die Höhe und schon war er weg. Der Günter hat dies offenbar gesehen, blieb auf seiner Höhe und fuhr unter dem Jubel tausender!!! Zuseher als einziger ins Wertungsgebiet ein. Die Stimme des Platzsprechers überschlug sich vor Begeisterung. Ich sah, wenige Meter über mir, wie der Günter den Marker zum Abwurf herrichtete. Er hielt ihn in der Hand und ich erwartete, daß er ihn jeden Moment fallenließ. Mir wurden diese Augenblicke schon zu lange. Ich rief ihm mehrmals zu, doch endlich zu werfen. Auch der sonst so ruhige Branco Ambrosic, mit dem ich beisammen stand, rief aufgeregt: "Werfen, Günter, werfen!"

Nur, Günter hielt den Marker wie eine Trophäe, er warf ihn einfach nicht! Ungläubig und dem Herzinfarkt nahe, sah ich, wie Günter wieder aus dem Wertungsgebiet hinausfuhr. Wenige Meter danach ließ er ihn fallen. So verschenkt man einen "Tausender", noch dazu als Einziger. Was war passiert? Das Wertungsgebiet war auf dem Flugfeld. Die vielen Markierungen und Absperrbänder hatten den Günter verwirrt. Schade, aber das der jüngste Teilnehmer bei dieser WM eine so tolle Leistung erbrachte, wurde am nächsten Tag auch in den Medien groß hervorgehoben und der Österreicher Günter Höfler wurde als ein "Weltmeister der Zukunft" gefeiert. Ein besonderes Erlebnis war der Start zum "46. Coupe Aéronautique Gordon Bennett 2002". Gleich im Anschluß an die WM begannen die Vorbereitungen der 17 Teilnehmer

aus 10 Nationen, darunter mit Startnummer 2 die Österreicher Hans Fürstner und Gerald Stürzlinger mit dem Gasballon "Graf Zeppelin". Ab 0.15 Uhr starteten die Ballone im 2-Minuten-Takt, verabschiedet im Scheinwerferlicht mit der jeweiligen Bundeshymne entschwanden sie im Jubel mehrerer tausend begeisteter Zuseher in die Nacht. Einige Zeit konnte man noch die Positionslichter sehen, dann waren sie für Stunden und Tage allein. Ein einmaliges Schauspiel, berührend und sehr fair und sportlich die Reaktion des Publikums. Jedem einzelnen Ballon wurde kräftig applaudiert und nachgewunken, bis er nicht mehr zu sehen war.

Die Sieger, wie im Vorjahr die Brüder Jean-Francois und Vincent Leys aus Frankreich mit dem Ballon "Petit Prince", landeten am Dienstag, dem 3.9.2002 um 20.12 UTC (22.12 MEZ) bei völliger Dunkelheit sicher in Zambujeira do Mar, 2 km vor der Atlantikküste, ca. 150 km südlich von Lissabon. Distanz Luftlinie nach Châtellerault:
1.282,30 km. Dem österreichischen Team erging es leider nicht so gut. Bereits nach kurzer Zeit und wenigen Kilometern mußten sie infolge ihres alten und leider undichten Ballons südwestlich von Poitiers landen und konnten noch in derselben Nacht in ihr Hotelbett zurück. Wir wünschen Euch einen neuen Ballon und mehr Glück für´s nächste Mal, Hans und Gerald!

Eine schöne und gut organisierte WM, natürlich auch hier mit kleinen Fehlern, wie sie nun bei einer darartigen Großveranstaltung nicht zu vermeiden sind, freundliche und unheimlich begeisterungsfähige Menschen in einer schön geschmückten Stadt und herrlichen Umgebung, ein Geheimtipp für Kulturliebhaber, so bleibt uns die 15. Heißluftballon-WM in Châtellerault/Frankreich in Erinnerung. Ich habe viele Dias von der Kulturlandschaft und der WM gemacht. Wer sie einmal sehen möchte (vielleicht als Schlechtwetter-Ersatzprogramm bei einem Meeting), kann gerne mit mir Kontakt aufnehmen (0676/47-16-738 oder herbert.tertinegg@gmx.at).

Glück ab – Gut Land wünscht Euch
Herbert Tertinegg