Von Tirol nach Venedig

Wolfgang Nairz hat die höchsten Berge der Welt bestiegen, flog bereits Mitte der 70er mit Drachen von ihnen herunter und entdeckte später seine Liebe zum Ballonfahren. Nun ist Nairz, der mehr als 50mal in Nepal, seiner zweiten Heimat war, unter die Autoren gegangen: "Ballonfahren - zwischen Alpen und Himalaya". Hier Auszüge aus dem druckfrischen Buch. Man wartet auf die richtige Wetterlage und sie will und will einfach nicht kommen. Doch dann, an einem Montagabend im Jänner ein Telefonanruf von Wiener Freunden: "... habt ihr schon gehört - und die Wetterlage gesehen? Es baut sich eine Nordföhnlage auf und die nächsten Tage könnte es gehen - endlich über die Alpen zu fahren!". In St. Johann in Tirol findet gerade ein Ballonmeeting statt: Ballon Winterzauber und Ladys Cup.

Doch die Piloten und Pilotinnen ärgern sich über das schlechte Wetter. Schneefall im Tal, alles in Wolken gehüllt. Doch auch der Chefmeteorologe des Flugwetterdienstes in Innsbruck hat ein Herz für Ballonfahrer:
"Warum macht ihr keine Alpenüberquerung? Wind und Richtung würden stimmen und im Süden ist bestes Wetter! ", ermutigt er uns. So wird die Ausrüstung ergänzt, Sauerstoffflaschen und Geräte besorgt und am 06:00 Uhr früh verlassen Werner und ich, begleitet von unserer Verfolgermannschaft Helga und Erich, Innsbruck. Im Schneetreiben erreichen wir St. Johann, wo wir die anderen Mannschaften treffen. Insgesamt sind wir nun fünf Teams, die sich an das Abenteuer wagen. Norbert Schneider, ein erfahrener Pilot, der schon mehrere Alpenüberquerungen durchgeführt hat, übernimmt die Vorplanung, Flugvorbereitung und Organisation. Ein letzter Telefonanruf bei der Flugwetterstelle in Innsbruck bestätigt, dass es möglich ist, Italien zu erreichen.

Im tiefblauen Himmel
Am tief verschneiten Startplatz haben wir Mühe, unsere Ballone aufzubauen. Es schneit leicht, doch im Windschatten des Wilden Kaisers sind wir im Tal windgeschützt. Ein letzter Check der Geräte, Brenner und Flaschen und dann verschwinden die Ballone hintereinander im Abstand von drei Minuten in den Wolken. Wir hatten vereinbart, mit exakt 3 m/sec aufzusteigen, um uns gegenseitig in den Wolken nicht zu gefährden. Ein unheimliches Gefühl ist es, in dieser gespenstisch wirkenden Umgebung, wo man nicht weiß, wo man sich befindet, im Ballon zu stehen.
Voller Anspannung ist der Blick mir auf die Instrumente und besonders auf das Variometer gerichtet, um ja die Steiggeschwindigkeit, exakt einzuhalten. Und plötzlich wird es heller, die Umgebung verändert sich in eine glitzernde Landschaft voller glänzender Eiskristalle und dann - plötzlich und schlagartig - endet die Wolkendecke bei 3.000 m Höhe und wir schweben in einen tiefblauen Himmel hinein. Im Norden liegt, nun ein riesiges Wolkenmeer unter uns, im Süden ragen

vereinzelt schon Gipfel daraus hervor. Unsere Fahrtrichtung ist genau Süden und die Geschwindigkeit nimmt nun ständig zu: Bei 132 km/h pendelt sich der Geschwindigkeitsanzeiger des GPS ein. Eine seltsame Stille, nur manchmal unterbrochen durch das Zünden des Brenners, beherrscht den Himmel. Nicht weit von uns die anderen vier Ballone, alle bewegen sich mit der gleichen Geschwindigkeit Richtung Süden. Bald kann man durch Löcher in der Wolkendecke auf die Erde sehen. Laut GPS müssen wir jetzt über Mittersill im Salzburger Land sein und es kommen auch schon die Gipfel der Venediger- und Großglocknergruppe heraus. Mit enormer Geschwindigkeit ziehen wir in ca. 6.500 m und die Geschwindigkeit beträgt 138 km/ h. Einer der Ballone koordiniert den Funk mit der Flugsicherung und auch die Funkübergabe von Wien nach Padua klappt ausgezeichnet. Wir sind nun über einigen Militärflugplätzen, doch auch hier zeigen sich die Italiener sehr kooperativ und lassen uns passieren. In der Ferne sieht man bereits das Meer und Venedig. Langsam sinken wir ab. Wir nehmen unsere Sauerstoffmasken ab und atmen Frühlingsluft. Wir sind über Venedig. Mit dem Handy versuchen wir unsere Verfolger, die sich gleich nach unserem Start auf den Weg nach Süden über den Brenner gemacht haben, zu erreichen - sie passieren gerade Bozen ... Am Rauch aus Fabriksschloten können wir erkennen, dass der Bodenwind landeinwärts zieht - so fahren wir ein kleines Stück - noch über Venedig hinaus, bevor wir tiefer gehen und in der Nähe von Mestre einen Landeplatz suchen. Auch die anderen Ballone sind in unmittelbarer Nähe. Unten ist Frühling, wir sehen blühende Bäume und grüne Wiesen. Ab und zu löst sich vom Korbboden noch ein festgefrorener Schneeklumpen. In tiefer Fahrt ziehen wir nun über die Felder und finden auch schon bald einen Landeplatz.

Drei der fünf Ballone landen fast im gleichen Feld - und das nach fast 230 Kilometern Fahrt! Die Wiese ist matschig und dreckig, unsere Verfolger noch weit entfernt und so beginnen Werner und ich, den Ballon einzupacken. Bald schon kommt aber ein freundlicher italienischer Bauer mit seinem Traktor, hilft uns mit dem Ballon und fährt uns Hülle und Korb auf die nächste Straße hinaus. Doch noch nicht genug - er verschwindet kurz, kommt aber gleich wieder mit einer Flasche Grappa, um mit den "Montgolfieristi" die glückliche Landung zu feiern! Zwei Stunden später sind auch Helga und Erich da. Wir verladen den Ballon und dann gibt's endlich ausgiebig Rotwein und andere italienische Köstlichkeiten, bevor wir nach Innsbruck zurückfahren.

Das Buch: Ballonfahren zwischen Alpen und Himalaya, 180 Seiten., ca. 200 Farbabbildungen, ATS 498, -/ Euro 36,19. Wolfgang Nairz schildert darin seine schönsten Fahrten über den Bergen dieser Welt und liefert auch eine Fülle von Informationen rund ums Ballonfahren. Geschichte, Rekorde, Ausrüstung und Ausbildung bilden eine Fülle von Facts, die auch für Ballonneulinge faszinierend ist.
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